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Hier einige ausgewählte
Beiträge aus der Vereinszeitung "Kaleidoskop" der Selbsthilfe
91 e.V.
Heft 4/2003 - 9. Jahrgang
Auf veränderte
Bedingungen müssen wir uns gemeinsam einstellen
Der Kalender zeigt uns Dezember des Jahres 2003. Dies assoziiert Adventszeit, Besinnlichkeit, Weihnachtsfreude - aber auch Jahreswechsel, Resümee und Bilanz ziehen.
In einer Zeit, wo viel von Mitmenschlichkeit und Weihnachtsfrieden geredet wird, müssen wir erleben, dass unser gesellschaftliches Solidarsystem immer weniger funktioniert und sich eine immer größere soziale Kälte breit macht. Es ist bezeichnend, dass gerade in diesen Tagen auf Bundesebene Gesetze beschlossen werden sollen, welche gravierende Auswirkungen besonders zu Lasten der sozial Schwächeren haben werden.
Diese Entwicklungen werden entscheidenden Einfluss auf die Art und Weise bzw. die realen Möglichkeiten unserer weiteren Arbeit haben. Die Grundzielstellung, der immer größer werdenden Personengruppe der sozial Benachteiligten mittels Maßnahmeinhalten in den Bereichen: Betreuung, Beschäftigung und Bildung Zukunftsperspektiven zur gesellschaftlichen Integration zu bieten, wird immer schwieriger. Da sich die Verantwortlichen des Vereines aber nicht mit solchen Aussagen hinsichtlich der „Verlierergeneration" zufrieden geben wollen, erfolgt gegenwärtig der Versuch der aktiven Beteiligung an den strukturellen Veränderungen im sozialen Sektor. Diese gilt es im Interesse der Betroffenen anzuwenden
bzw. einzusetzen. Dabei möchte ich nicht verschweigen, dass wir einen Großteil der neuen Regelungen nicht nachvollziehen können und es uns in eben diesem Interesse teilweise nur übrig bleibt: „gute Miene zum bösen Spiel zu machen" oder wie es in dem Sprichwort heißt: „ Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach".
Überall begegnet uns das Jammern auf hohem Niveau hinsichtlich der leeren Kassen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebenen. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit, da grundsätzliche Entwicklungen immer etwas mit Prioritätensetzungen zu tun haben.
Mein Weihnachtswunsch ist, dass bei all diesen Entscheidungen der Mensch im Mittelpunkt steht und die wirklichen Ursachen bekämpft werden.
Das zu Ende gehende Jahr 2003 war auch für den Verein sehr ereignisreich. So gab es die
Notwendigkeit für eine Vielzahl von personellen Veränderungen, das Hilfscenter „Sparbüchse" musste kurzfristig den Standort wechseln, das Vermarktungskonzept an der Wetzelmühle wurde präzisiert und begonnen schrittweise umzusetzen, im Oktober erfolgte die Übernahme des Wohnprojektes I aus kommunaler Trägerschaft sowie vielfältige und intensive Bemühungen zur Weiterführung der Einrichtung „APA Lichtblick" bzw. des Standortes Zwickauer Str. 6. Des weiteren konnten im
IV. Quartal eine Reihe von Beschäftigungsmaßnahmen begonnen werden, deren Laufzeit bis ins 2. Halbjahr 2004 reicht.
Nicht verschweigen möchte ich die Problembereiche, die in der unzureichenden Auslastung im Betreuten Wohnen, der finanziellen Defizite aus der Vermietung auf Grund von Mietschuldnern bzw. des Belegungsstandes, der Auftragssituation im Zusammenhang mit dem sinkenden Preisniveaus im Bauhof sowie der komplett gestrichenen Förderung (incl. beabsichtigter Beschäftigungsmaßnahmen) seitens des Landkreises Chemnitzer Land, bestehen.
Hinter all diesen Entwicklungen und Problemen steckt ein großes Engagement und viel persönlicher Einsatz von Sozialarbeitern, Fachanleitern, Lehrern und Ausbildern.
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Beschäftigten des Vereines sowie der ausgegründeten Firmen des Netzwerkes für die gute Zusammenarbeit bedanken. Möge ein jeder einige erholsame Tage im Kreise seiner Familie erleben und somit diese Tage zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel zum Entspannen und Auftanken nutzen.
Weiterhin gilt allen Zuwendern, Institutionen, Behörden, Firmen sowie Förderern und Freunden, die unsere Arbeit unterstützen, ein besonders großes Dankeschön, verbunden mit den besten Wünschen für das neue Jahr und der Hoffnung auf eine weiterhin Frucht bringende Zusammenarbeit im Interesse der Menschen.
Dietmar Böhme
Geschäftsführer
Braukunst aus dem Erzgebirge -
jetzt auch in der Wetzelmühle
Warum sich eine Brauerei für sozial Benachteiligte stark macht

„Einsiedler Sterbehilfe" _ dieses geflügelte Wort aus DDR-Zeiten kennt wohl jeder einheimische Biertrinker. Und sicher wurde das Einsiedler Bier in den 80-er Jahren nicht ganz zu unrecht so bezeichnet, wässrig im Geschmack und von unappetitlich trüber Farbe, wie es damals war.
Dabei konnte das Einsiedler Brauhaus eigentlich auf eine gute Tradition und auf eine ebenso erfolgreiche wie wechselvolle Geschichte verweisen. 1885 vom Chemnitzer Maschinenfabrikant Emil Schwalbe gegründet, hat es von Anfang an nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut und verwendet auch heute wieder nur beste Zutaten, so Malz aus regionalen Mälzereien und Wasser aus einem eigenen Brunnen.
1886 wurde das erste Fass Bier in Einsiedel produziert, die jährliche Kapazität betrug damals 5000 Hektoliter. Das steigerte sich auf das Zehnfache im Jahr 1995 und so wurden neue Kellereien notwendig, eine Kühlanlage, Maschinen- und Kesselhaus sowie der Brunnen neu gebaut.
1903 wurde die Privatbrauerei zur Einsiedler Brauhaus AG umgewandelt, 1907/08 das heutige Sudhaus mit einer Kapazität von 200.000 Hektolitern an heutiger Stelle errichtet und 1910 trat Karl Schwalbe die Nachfolge seines verstorbenen Vaters an.
Eine Zäsur brachte der erste Weltkrieg mit sich, wo ein großer Teil der Belegschaft Kriegsdienst leisten und Pferde sowie LKW abgegeben werden mussten. Der jährliche Ausstoß sinkt bis 1920 und die Aktionäre beschließen den Verkauf des Unternehmens an die „Deutsche Bierbrauerei AG" Berlin. Trotz Inflation steigt der Absatz Anfang der 20-er Jahre wieder und erreicht 1929 mit einem Umsatz vom 86.500 Hektolitern seinen vorläufigen Höhepunkt. Die Weltwirtschaftskrise machte auch vor der Einsiedler Brauerei nicht Halt, sodass das Unternehmen 1937 an die Gebrüder Winterling aus Bayern verkauft wurde. Die gründeten die offene Handelsgesellschaft „Einsiedler Brauhaus Winterling + Co."
Durch den Fliegerangriff am 5. März 1945 wurde auch die Einsiedler Firma erheblich beschädigt, der gesamte Hopfenbestand verbrannte. Die Belegschaft baute die Brauerei selbst wieder auf und setzte die Produktion mit einem Dünnbier mit zwei bis drei Prozent Stammwürze fort. 1948 durfte ein Bierersatzgetränk gebraut werden, 1954 wurde der Chemnitzer Kaufmann Möschler als treuhänderischer Verwalter der noch privaten Firma eingesetzt. Anträge auf staatliche Beteiligung scheiterten, statt dessen werden 1960 die Brauereianlagen an den VEB Vereinigte Brauereien Karl-Marx-Stadt verpachtet. Die Eigentümerfamilie Winterling hatte darauf keinen Einfluss und wurde schließlich 1972 enteignet. Die Einsiedler Brauerei gehörte fortan als Betriebsteil zum VEB Braustolz im Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt. Seither
wurde in Einsiedel ausschließlich Flaschenbier produziert, der Jahresausstoß betrug in den 80-er Jahren 300.000 Hektoliter, die Qualität wandelte sich zu der oben zitierten „Sterbehilfe".
1990 wird die Brauerei durch das Unternehmerehepaar Leutheusser aus Marktredwitz/Unterfranken reprivatisiert. Frau Leutheusser ist die Enkelin von Hermann Winterling. Als eine der ersten Brauereien der DDR braut Einsiedler noch vor der deutschen Einheit wieder nach dem deutschen Reinheitsgebot.
Rund 15 Millionen Euro wurden bis heute in die Modernisierung der Anlagen und in wirkungsvolle Marketing-Maßnahmen investiert, galt es doch, der Marke ihren klangvollen Namen aus vergangenen Zeiten wieder zurück zu geben. 100 Mitarbeiter sind heute im Einsiedler Brauhaus beschäftigt. Eine Spezialität unter den zahlreichen Sorten ist das beliebte Landbier, aber auch Schwarzbier, Bock, Weißbier, Zwickelbier sind sehr beliebt und mindesten ebenso schmackhaft wie die Fassbrause für die Nicht-Biertrinker.
Jeder kann sich selbst anschauen, wie Bier gebraut wird und im Anschluss daran bei einer zünftigen Brauerbrotzeit die verschiedenen Sorten verkosten.
Über den CFC lernten die Verantwortlichen der Einsiedler Brauerei im Frühjahr dieses Jahres die Wetzelmühle Niederfrohna kennen. Sie waren begeistert von dem wunderschönen Objekt und davon, dass sozial benachteiligte Jugendliche hier seit Jahren schon mit sinnvoller Arbeit eine Chance zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft erhalten. Vertriebsleiter Jürgen Ackermann beschreibt das so: „Wir haben uns umgesehen und gedacht: Hier müssen wir helfen. Auf unsere Frage sagte uns Vorstandsvorsitzender Gerd-Reiner Münch, dass bei der Ausstattung
des künftigen Gastraumes noch Unterstützung gebraucht wird. Also haben wir uns mit der Firma Kühnert und Stiegler aus Hartmannsdorf zusammengesetzt und überlegt, wie man das gestalten könnte. Was dabei herausgekommen ist, kann man seit dem Frühsommer selbst anschauen und erleben. Rustikale Möbel ein Stammtisch mit Mehlsäcken als Sitzgelegenheit und ein
Rückbüfett, das als Mühlenrad gestaltet ist, lassen den Gastraum zu einem Erlebnis werden." Das Brauhaus hat vorfinanziert und hofft durch ordentlichen Bier- und Fassbrausenabsatz ihren Einsatz in den nächsten Jahren wieder wett zu machen. Der Verein freut sich über die gute Zusammenarbeit und hofft, dass die Partnerschaft in den kommenden Jahren weiter gedeiht.
Gemeinnützige Arbeit statt schwedischer Gardinen - Strafe oder Chance?
Wenn jemand straffällig geworden ist, muss er meistens eine Haft- oder eine Geldstrafe auf sich nehmen. Eine andere Form der Strafverbüßung sind die gemeinnützigen Stunden, die der Betreffende in einer gemeinnützigen Einrichtung ableisten muss. So waren im Jahr 2003 bis zum 20. November 100 so genannte Gemeinnützige in verschiedenen Projekten des Vereins eingesetzt und leisteten insgesamt 8978 Stunden ab. Besonders viele gemeinnützige Klienten arbeiteten im Hilfscenter Sparbüchse, im Bauhof, in der Peterstraße 1 und 3 und in der Küche. Dabei differieren die Zeiten, die ein Klient erbringen muss, zwischen 14 und mehr als 870 Stunden, demzufolge ist auch die Einbindung in das Arbeitskollektiv und seine konkreten Aufgaben sehr unterschiedlich.
„Nicht alle Klienten kommen den Forderungen der Staatsanwaltschaft zuverlässig nach", schätzt Uta Bergner vom Projekt „Streckeninfo" ein. „Die Gründe liegen in mangelnder oder gar fehlender Einsicht in ihre Schuld. Dabei ist es meist auch ein Unterschied, wodurch die Stunden entstanden sind. Hat jemand zum Beispiel Schulden, die er nicht bezahlen kann, oder ist er wegen Insolvenz gegenüber der Krankenkasse im Zahlungsverzug, ist die Einsicht meist größer als bei jemandem, der wegen ,echter' krimineller Handlungen, wie Körperverletzung oder Raub verurteilt wurde." Während die
Einen in den gemeinnützigen Stunden auch eine Chance sehen, relativ glimpflich davonzukommen und für ihre Fehler einzustehen, sehen die Anderen ihre Strafe nicht ein und nehmen demzufolge auch die Auflagen der Staatsanwaltschaft nicht ernst.
Die Gemeinnützigen werden in den Projekten meist mit Hilfsarbeiten betraut, sie helfen beim Renovieren, Entkernen, Transportieren, Möbel aufbauen, Reinigen, Kochen. Die Tätigkeitsfelder sind vielfältig und wenn es geht, werden auch individuelle Interessen beim Einsatz berücksichtigt. Manchmal kommen sogar Fachkenntnisse zum Tragen. Das war zum Beispiel schon einmal in der Küche so und für alle Beteiligten ein Gewinn, weil der Gemeinnützige mit seinen guten Ideen auf die anderen Mitarbeiter positiv ausstrahlte. „wenn der Projektleiter das zulässt, dass der gemeinnützig Tätige für seine Kompetenz geschätzt wird, arbeitet der seine Schuld meist auch zuverlässig ab", sagt Uta Bergner. „Überhaupt gib es in den Projekten wenig Probleme, wo die Projektleiter es verstehen, auf die Persönlichkeit des ,Mitarbeiters auf Zeit' einzugehen und ihn respektvoll behandeln, obwohl er eine Strafe abzuarbeiten hat." Dabei ist es gar nicht einfach, zwischen Verständnis und klaren Forderungen abzuwägen. So bekommen auch alkoholkranke Menschen eine Chance, ihre Strafen im Verein zu tilgen, trotz ihrer Krankheit und den damit verbundenen Besonderheiten.
„In den Gesprächen, die wir mit den Klienten führen, kommen viele weitere Probleme ans Licht, um die wir uns dann auch kümmern: Schulden, Wohnungsprobleme, Behördengänge. Das Spektrum reicht bis dahin, dass wir so manchem schon Arbeit in einer Maßnahme des Vereins vermitteln konnten", so Uta Bergner. Das hilft den Klienten, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Und nicht selten kommt es vor, dass dann der Betreffende sagt: Eigentlich war es ein Glücksumstand, dass ich die Strafe bekommen habe.
In den Projekten werden die Gemeinnützigen zusätzlich betreut, die anfallende Arbeit wird also neben der laufenden erledigt. Eine geringfügige finanzielle Unterstützung dafür gibt es nur über den Aufwind e.V. Sonst ist nirgendwo nur die kleinste Förderung in Sicht. Man geht offensichtlich von dem Ansatz aus, die Leute sollen ihre Stunden bringen, sozialpädagogische Betreuung ist nicht notwendig. „Aber das ist nicht unser Ansatz", sagt Selbsthilfe-Geschäftsführer Dietmar Böhme. „Wenn wir merken, dass Hilfe gebraucht wird, dann geben wir die auch. Schließlich sind wir vor fast zwölf Jahren angetreten, Menschen aus ihren Notlagen heraus zu helfen." Auch wenn eigentlich kein Personal dafür zur Verfügung steht und das Hilfeersuchen des Vereins bisher überall abgeschmettert wurde, wird man es auch künftig so halten.
Reiner Bönisch, Mitarbeiter im Sozialen Dienst des Landgerichts Chemnitz und verantwortlich für die Vermittlung der zu gemeinnütziger Arbeit Verurteilten:
Verein ist einer der größten „Abnehmer"
Ich vermittle rund 1300 Fälle im Jahr und die Selbsthilfe 91 gehört zu meinen größten „Abnehmern". Der Verein ist immer bereit, Leute aufzunehmen, sogar im Winter, wo es schwer ist; Leute unterzubringen.
Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern von der „Streckeninfo" ist gut, wobei es von Nachteil ist, dass die Personen so rasch wechseln. Kaum kennen sie sich aus, sind sie schon wieder weg.
Man merkt natürlich auch, dass sich das Profil des Vereins etwas wandelt und zum Beispiel nicht mehr so viel gebaut wird. Das machen aber andere Projekte wett, zum Beispiel die Sparbüchse, die macht fast alles möglich und nimmt eigentlich jeden Klienten an.
Auch im Januar ein „Lichtblick"
Projekt im Pavillon am Falkeplatz hat weiter geöffnet
Zum 31.12.2003 endet das Jugendsofortprogramm der Bundesregierung zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit, das bisher die ausschließliche Finanzierungsquelle des Alternativen Projekts für Arbeit (APA) „Lichtblick" war. Damit stand die Schließung der Einrichtung zu befürchten, da alternative Fördermöglichkeiten nicht zur Verfügung standen.
Der Verein unternahm gemeinsam mit dem Arbeitsamt, mit dem Sozialamt und dem Amt für Jugend und Familie der Stadt Chemnitz sowie mit den Partnern vom DGB und BBJ Consult zahlreiche Anstrengungen, dieses Problem zu lösen.
In den zurückliegenden viereinhalb Jahren fand „Lichtblick" hohe Anerkennung sowohl bei der Zielgruppe als auch bei Verantwortlichen der Kommune; etwa 4000 Chemnitzer Jugendliche und junge Erwachsene nutzen die Angebote des Hauses
(Besucher im Jahr 2003 allein vom I. - III. Quartal: 1127, mit ihnen erstellte Bewerbungsunterlagen:
1249).
Die sich verschärfenden Problemlagen junger Menschen und die aktuelle Arbeitsmarktsituation lässt besonders in diesem Jahr eine erhöhte Inanspruchnahme
der Leistungen des Projekts und einen gestiegenen Betreuungsbedarf der Besucher beobachten. Da das Projekt einen erheblichen Beitrag im Rahmen der Jugendberufshilfe in Chemnitz leistet und damit sowohl zur Perspektivfindung junger besonders benachteiligter Menschen beiträgt als auch der Besorgnis erregenden Abwanderung Jugendlicher entgegen wirkt, wurden Lösungen zum Erhalt des APA gefunden.
Der Wermutstropfen dabei ist, dass auf Grund der Förderbestimmungen der Großteil der bisherigen Mitarbeiter nicht weiter im Projekt tätig sein darf. Daher werden sich ab 5. Januar 2004 Personen, die über Strukturanpassungsmaßnahmen (SAM) beschäftigt werden, bemühen, den Besuchern genauso tatkräftig mit aktiven Hilfestellungen zur Seite zu stehen, wie das bisherige Team in den letzten viereinhalb Jahren.
Dennoch ist die Gesamtfinanzierung noch nicht völlig gesichert. Daher sind weitere Entscheidungen der Kommunalpolitiker erforderlich, durch die diese wichtige Einrichtung für die Jugendlichen in unserer Stadt dauerhaft gesichert werden kann.
Gunnar Werwitz
Hartz III und IV: Jetzt geht`s
ans Eingemachte
Welche Auswirkungen hat das
auf den 2. Arbeitsmarkt?
Hartz I und II haben unterschiedliche Wirkungen gezeigt: Ich-AGs und Mini-Jobs werden von der Politik als Erfolg gewertet. Dabei fragt niemand, wie viele der Ich-AGs nach den drei Jahren Förderung wieder abgemeldet werden oder ob und wie ein Arbeitsloser von einem Mini-Job für 400 Euro leben kann. Die Personal-Service-Agenturen gelten sowieso schon als Flop, denn wohin sollten Arbeitnehmer ausgeliehen werden, wenn es keine Arbeitsplätze gibt, wie es ja vor allem im Osten der Fall ist.
Was erwartet uns nun mit Hartz III und IV?
Hartz III befasst sich mit der Nürnberger Bundesanastalt für Arbeit. Sie soll umgestaltet werden. Erfassung und Vermittlung von Arbeitssuchenden sollen grundlegend neu ausgerichtet werden, effizienter soll es zugehen, Bürokratie soll abgebaut werden. Arbeitsvermittlung wird demzufolge als Service verstanden. Die Bundesanstalt soll deshalb künftig Bundesagentur für Arbeit, das örtliche Arbeitsamt JobCenter heißen. Die Arbeitssuchenden sind dann Kunden, die schnell und effizient beraten und betreut werden. Und vermittelt? An einem Anlaufpunkt, der Clearingstelle, werden die Formalitäten erledigt. Die eigentliche Arbeitsvermittlung übernehmen Fachkräfte, die von allen Verwaltungs- und Nebentätigkeiten befreit sind. Die Landesarbeitsämter heißen dann
KompetenzCenter und sollen die arbeitsmarkt-, wirtschafts- und sozialpolitischen Initiativen koordinieren.
Mit Hartz IV wird`s richtig ernst für die Arbeitssuchenden: Zur Vereinfachung der Verwaltung sollen Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammen gelegt werden zum so genannten Arbeitslosengeld II. Außerdem soll fast jeder Job für Langzeitarbeitslose annehmbar sein. Wer Angebote ablehnt oder sich nicht um Arbeit bemüht, dem drohen einschneidende Kürzungen beim Arbeitslosengeld II. Jugendlichen unter 25 Jahren kann die Hilfe vorübergehend komplett gestrichen werden, wenn sie angebotene Stellen verweigern.
Die Zumutbarkeit einer Stelle wird weiter gefasst: Ein Arbeitsloser muss künftig darlegen, weshalb er eine Stelle für unzumutbar hält. Darüber hinaus sind auch Stellen zumutbar, die unter der Qualifikation des Arbeitssuchenden liegen, wenn sie tarifüblich bezahlt werden, und sogar Mini-Jobs sind zumutbar. Vom Rechtsanwalt zum teilzeitbeschäftigten Straßenkehrer, kein Problem mehr. Und wenn er das nicht will, wird das Arbeitslosengeld II um 30 Prozent gekürzt.
Vor allem von Ledigen ohne Kinder wird mehr Mobilität erwartet. Aber auch der über 50-jährige Ehemann, dessen Kinder aus dem Haus sind, kann ruhig mal ein Jahr in München, ein weiteres in Hamburg und schließlich ein drittes in Köln arbeiten.
Grundsätzlich soll das Arbeitslosengeld II nur an Menschen gezahlt werden, die bedürftig sind.
In Zukunft können sich Arbeitssuchende, die nicht vermittelt werden wollen, beim JobCenter abmelden. Sie werden dann nicht mehr statistisch erfasst, weshalb eine Halbierung der Arbeitslosenzahlen wirklich in absehbarer Zeit zu erwarten ist. Ihr Leistungsanspruch kann zu einem späteren Zeitpunkt wieder geltend gemacht werden.
Was ändert sich im nächsten Jahr?
(Stand vom Nov.2003)
Bei der zweiten großen Arbeitsmarktreform erfolgt die Verschmelzung der
Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum neuen Arbeitslosengeld II (ALG II):
1. Das ALG I gibt es für unter 55-Jährige künftig (ab 1.7.2004) nur noch 1 Jahr lang, für über 55-Jährige maximal 18 Monate.
2. Jeder, der mindestens 3 Stunden täglich arbeiten kann, gilt als erwerbsfähig und bekommt künftig das ALG II. Er ist damit auch gesetzlich renten-, kranken- und pflegeversichert. Bezieher von Arbeitslosenhilfe (ALH) sowie erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger erhalten künftig ein einheitliches ALG II, zuzüglich der angemessenen Kosten für Miete und Heizung.
3. Die Höhe des neuen ALG II (Bundesagentur für Arbeit betreut ALG II-Bezieher) richtet sich nach dem Bedarf, nicht mehr nach dem früheren Einkommen
- siehe Tabelle.
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Pauschale Leistungen beim ALG II (in Euro) |
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Das
Leben eines Arbeitslosengeld II-Beziehers (alleinstehend) nach dem
01.07.2004: |
neue Bundesländer,
Allein Stehender oder
allein Erziehender |
331
Euro |
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Mit der geplanten Regelleistung für das Arbeitslosengeld II in Höhe von 331 Euro sollen alle Dinge des täglichen Unterhaltes und auch einmalige Bedarfe für Kleidung, Haushaltgeräte, Möbel und anderes bestritten werden. Und so sieht es dann im Haushaltbuch von Frau Mustermann aus: |
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Kinder bis 14 Jahre |
199 Euro |
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Kinder 14 - 18 Jahre |
255 Euro |
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Partner |
298 Euro |
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70 €
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Rücklage
für Anschaffungen, Autoversicherung und |
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Kfz-Steuer |
| (Als Partner werden anspruchsberechtigte |
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25
€ |
Versicherungsbeiträge
Haftpflicht und Lebensversicherung? |
| Ehe- und Lebenspartner bezeichnet.) |
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25
€ |
Stromrechnung |
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25
€ |
Telefonrechnung |
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40
€ |
Benzin |
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16
€ |
Tageszeitung? |
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12
€ |
Kabelanschluss? |
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5
€ |
für
Zuzahlungen wegen der Gesundheitsreform |
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7
€ |
für
den Friseur? |
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106
€ |
für
Dinge des täglichen Bedarfs (3,50 € pro Tag) |
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Diese Pauschale ist weder bedarfsgerecht noch armutsverhindernd. Sie sichert kein menschenwürdiges Leben und grenzt Menschen an der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben immer mehr aus! |
Arbeitslosenhilfe in Höhe von 53 % (57 % mit Kindern) des letzten Nettoverdienstes wird damit abgeschafft.
4. Um Härten beim Übergang vom ALG zum ALG II abzumildern, wird 2 Jahre lang ein Zuschlag von höchstens 160 Euro bei Ledigen, 360 Euro bei Partnern und 60 Euro pro Kind gezahlt. Den Zuschlag gibt es nur, wenn das alte ALG höher als der neue ALG II_Anspruch _ für den gesamten Haushalt ! _ Bezugspunkt ist nicht das alte Haushalteinkommen, sondern nur das alte ALG !)
Kinder- und Wohngeld werden im ALG II vollständig angerechnet. Freibeträge sinken deutlich _ z.B. für einen 3-Personen-Haushalt nur noch statt bisher mindestens 482 Euro - nur noch maximal 207 Euro.
Anders als bei der Sozialhilfe sind zusätzliche einmalige Beihilfen weitgehend ausgeschlossen.
ALG II beinhaltet vielmehr bereits eine niedrige Pauschale von 46 Euro - damit wird das reale Leistungsniveau der Sozialhilfe vielfach unterschritten.
5. Bevor jemand ALG II bekommt, muss er sein Vermögen aufbrauchen. Nur die gesetzliche Riesterrente, selbst genutzte Häuser oder Eigentumswohnungen bleiben ebenso verschont wie 200 Euro Barvermögen pro Lebensjahr und 200 Euro für die Altersvorsorge. Für Lebensversicherungen und Renten-Sparverträge gilt ein Höchstbetrag von 13 000 Euro. Für Ältere, die am 1. Januar 2003 bereits 55 Jahre alt waren, bleiben 520 Euro pro
Lebensjahr anrechnungsfrei.
6. Wer nicht in der Lage ist zu arbeiten, erhält weiterhin die klassische Sozialhilfe - genannt Sozialgeld (gezahlt von den Kommunen). In den Regelsätzen sind künftig schon die Pauschalen für größere Anschaffungen wie Möbel und Kleidung enthalten _ nur bei Geburten z.B. sollen noch einmalige Beihilfen gezahlt werden. Christine Kirstein
Projektmitarbeiter Netzwerk „Arbeit und Soziales"
Was macht eigentlich die ABM „Soziale Stadt"?
Mit finanziellen Mitteln des Bundes, des Landes und der Stadt werden in Chemnitz spezifische Wohngegenden gefördert, in denen soziale, wirtschaftliche und städtebauliche Probleme besonders anzutreffen sind. Es handelt sich einerseits um das Stadtgebiet Hutholz, das Areal mit Plattenbauten entlang der Stollberger Straße in Kappel und die mittleren, südlichen und nordöstlichen Teilbereiche in Markersdorf sowie andererseits um ausgewiesene Karrees nördlich und südlich der Limbacher Straße in den Stadtteilen Kaßberg und Schloss-Chemnitz, die den Stadteingang von der B 95 aus bilden und somit ein „Aushängeschild" von Chemnitz sind. Der Stadtumbau in diesen Wohngebieten soll über das Förderprogramm „Soziale Stadt" mit einer Aufwertung der hier bestehenden sozialen Einrichtungen verbunden werden.
Unter der Regie des Vereins Selbsthilfe 91 e. V. konstituierten sich Mitte September 2003 je eine Projektgruppe für die beiden Fördergebiete mit insgesamt acht Teilnehmern, die in einer „Studie der sozialen Einrichtungen" den Werdegang, das Profil und die Spezifika der hier bestehenden Schulen, Kindertagesstätten, Jugendklubs, Sportstätten, Begegnungsstätten, Seniorenheime, Bürger- und Kulturbüros erfassen, analysieren und dokumentieren sollen. Zudem sollen die Mitarbeiter den Veränderungen in der Sozialstruktur und im Kultur- und Freizeitverhalten der
Bürger, den Konsequenzen aus dem Wegfall von Einrichtungen und Versorgungsstätten und solchen Aspekten wie Abwanderung, Wohnungsrückbau, demografische Entwicklung und Integration von ausländischen Mitbürgern nachgehen. Im Interesse der Vernetzung und der Förderung von sozialen Einrichtungen sollen die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit allgemein und transparent zugängig gemacht werden.
Auf der Suche nach Wegen und Methoden der Recherche können die Projektmitarbeiter auf folgende Aktivitäten und Ergebnisse verweisen:
Die ABM-Mitarbeiter suchten Bürgerbüros und Anlaufpunkte in den Stadtteilen sowie Ämter und
Institutionen auf, stellten ihr Projekt vor, sahen Unterlagen ein und knüpften Kontakte.
Im Stadtarchiv, im Archiv der „Freien Presse" und in der Stadtbibliothek recherchierten die Mitarbeiter ebenfalls.
Die direkte Kontaktaufnahme mit den Einrichtungen war schließlich der Weg, um über die Führung persönlicher Gespräche und die Einsichtnahme von Materialien wie Chroniken und Jahresberichten dem Anliegen einer „Studie der sozialen Einrichtungen" gerecht werden zu können. Erste Dokumentationen befinden sich in der Fertigstellung, z. B. die Reinhold-Dahlmann-Schule, das Kinderhaus „Spatzennest" und die Albert-Schweitzer-Mittelschule.
ältere Ausgaben des Kaleidoskop:
Heft
2/2003 - 9. Jahrgang
Chemnitz, 24. Januar 2004
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